Wenn Bürokratie die Arbeit dominiert – Interview der Passauer Neuen Presse mit Andreas Schwarzhuber
Wenn Bürokratie die Arbeit dominiert
Bürokratie ist eine der Hauptbelastungen für Unternehmen. Wo hakt es, wo sind Unternehmen in ihrer Effizienz behindert? Antworten dazu gibt Andreas Schwarzhuber. Der 44-jährige Diplomkaufmann ist Wirtschaftsprüfer und Steuerberater und als solcher Partner und Geschäftsführer der Wirtschaftskanzlei Dr. Kittl & Partner, wo er seit 2019 beschäftigt ist. Schwarzhuber, zu dessen Schwerpunkten Wirtschaftsprüfung, Corporate Governance Services und Nachhaltigkeitsberichterstattung zählen, gehört ab Februar auch zu den Teilnehmenden am PNP-Konjunkturbarometer. Hier geben rund 20 Unternehmen aus der Region aus verschiedensten Branchen monatlich einen Stimmungsbericht ab.
Wo erleben Sie den größten Mehraufwand für die Unternehmen – und was frisst aktuell besonders Zeit und Geld?
Der größte Mehraufwand entsteht weniger durch einzelne Gesetze als durch die Summe stetig wachsender Dokumentations-, Melde- und Nachweispflichten sowie häufige Gesetzesänderungen mit kurzen Umsetzungsfristen. Besonders zeit- und kostenintensiv sind aktuell der Datenschutz, unter anderem im Zusammenhang bei Nutzung künstlicher Intelligenz, sowie statistische Meldungen, bei denen identische Daten mehrfach übermittelt werden müssen. Auch Förderprogramme sind oft so komplex, dass der administrative Aufwand in keinem Verhältnis zum Förderbetrag steht. Gerade mittelständische Unternehmen trifft das besonders hart, weil hochqualifizierte Mitarbeiter zunehmend mit formalen Pflichten statt mit unternehmerischer Wertschöpfung beschäftigt sind.
Gibt es aus Ihrer Sicht Regelungen, die gut gemeint, in der Praxis aber kontraproduktiv sind?
Ja, ein Beispiel ist das Geldwäschegesetz. Die formellen Anforderungen sind sehr hoch, während der tatsächliche Nutzen zur Verhinderung illegaler Aktivitäten in der Praxis zumindest hinterfragt werden kann. Ein weiteres Beispiel ist die Pflicht zur detaillierten Arbeitszeiterfassung. Sie soll Arbeitnehmer schützen, führt aber gerade bei kleinen Betrieben, im Handwerk und bei Dienstleistern zu erheblichem administrativem Aufwand bei begrenztem Mehrwert.
Bringt die jüngste Lockerung einzelner EU-Vorgaben tatsächlich Entlastung – oder nur neue Übergangsregeln?
Positiv ist, dass die EU den Handlungsbedarf erkannt hat. Die Anhebung der Schwellenwerte bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung führt für viele Unternehmen zu einer spürbaren Entlastung. Schätzungen zufolge fallen rund 80 Prozent der bislang betroffenen Unternehmen aus dem direkten Anwendungsbereich. Gleichzeitig wird man auch künftig nicht vollständig auf Nachhaltigkeitskennzahlen verzichten können, da diese über Lieferketten, Banken und andere Stakeholder weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Auch beim Lieferkettenrecht und der Entwaldungsverordnung sorgen der stärkere Fokus auf große Unternehmen sowie Übergangsfristen zunächst für Entlastung. Insgesamt bleibt jedoch festzuhalten: Die Lockerungen schaffen Luft, ersetzen aber keine grundsätzliche Vereinfachung. Weitere EU-Regulierungen sind bereits absehbar, etwa durch die Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie ab 2026.
Wie kommt aus Ihrer Sicht die Digitalisierung an – in den Unternehmen, den Behörden und auch bei Ihnen in der Kanzlei?
Beim Thema Digitalisierung öffnet sich in der Unternehmenslandschaft zunehmend eine Schere. Während einige Betriebe sie strategisch und konsequent nutzen und dadurch messbare Effizienzgewinne erzielen, gibt es nach wie vor Unternehmen, die den digitalen Wandel ignorieren oder deutlich unterschätzen. Dort wird teilweise noch mit Strukturen und Prozessen gearbeitet, die nicht mehr zeitgemäß sind. Der Digitalisierungsgrad wirkt sich dabei unmittelbar auf Unternehmenskultur und wirtschaftlichen Erfolg aus, wenn er durchdacht umgesetzt wird. Bei den Behörden sind zwar Fortschritte erkennbar, das vorhandene Potenzial wird aber noch längst nicht ausgeschöpft. In unserer Kanzlei beobachten wir die Entwicklungen sehr genau und setzen digitale Lösungen gezielt dort ein, wo sie echten Mehrwert schaffen
Was müsste kurzfristig passieren, um Unternehmen spürbar zu entlasten?
Wenn Unternehmen kurzfristig spürbar entlastet werden sollen, braucht es eine Reform der zentralen Standortfaktoren. Die Abgabenbelastung ist in Deutschland zu hoch, insbesondere bei den Lohnnebenkosten, und macht viele Unternehmen im internationalen Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig. Gleiches gilt für die Energiepreise. Ebenso notwendig ist eine Anpassung des Arbeitsrechts an die heutige Arbeitsrealität. Entscheidend ist dabei: Unternehmen brauchen keine neuen Ausnahmen oder Sonderregelungen, sondern einfache, verlässliche und praxistaugliche Rahmenbedingungen.
Ist es überhaupt im Sinne Ihrer Branche, die Regeln deutlich zu erleichtern?
Eindeutig ja. Weniger Zeit für formale Pflichterfüllung bedeutet mehr Raum für echte unternehmerische Beratung. Genau darin liegt der eigentliche Mehrwert unserer Branche.
Interview: Regina Ehm-Klier





